Montag, 27. Februar 2017

Schreibkunst im Stift Lambach

Die Werkstatt in Lambach
Im Mittelalter erlangte das oberösterreichische Benediktinerstift Bekannheit durch seine künstlerischen Handschriften und Klosterschule. Unter Abt Babo VIII. (1167-1194) gingen aus der Schreiberschule des Stifts einige ihrer schönsten Werke hervor, unter anderem das älteste Lambacher Nekrologium. Von den vielen kostbaren Handschriften wurden Anfang des 20. Jh.s einige veräußert. Erhalten sind jedoch u.a. die beiden “Lambacher Rituale” (in Lambach) und der “Lambacher Williram” von ca. 1175 mit einer Darstellung der Marienverkündigung (heute in Berlin).
Im 18. Jh. war Lambach ein Zentrum einer zum Jansenismus neigenden Gelehrsamkeit. Der 1764 indizierte Kanonist und Universitätslehrer P. Benedikt Oberhauser (1719-1786),  Stiftsbibliothekar P. Amand Greth (1724-1804) und schließlich Pater Comicus P. Maurus Lindemayr (1723-1783) waren alle provokante Denker.
Ganz im Sinne dieser gelehrten Tradition bietet das Stift für Schulgruppen eine "Schreibwerkstatt" an, in welcher Jugendliche in die Welt der Kalligraphie eingeführt werden; sie erfahren dort über die Textproduktion des Mittelalters. In einem Zeitalter der Digitalisierung, in welchem Kursivschreibung mancherorts nicht mehr unterrichtet wird, Kinder nur mehr Blockbuchstaben verwenden können und Computertastaturen die Schreibkunst ruinieren, sind solche klösterliche Initiativen sehr zu begrüßen.
Anfragen über einen Besuch in Lambachs Bibliothek können an Dr. Christoph Stöttinger gerichtet werden (archiv@stift-lambach.at).

Freitag, 24. Februar 2017

Bernhard und das Salve Regina

Das Gnadenbild im Dom zu Speyer 
Die Autorenschaft von marianischen Antiphonen ist besonders schwer festzustellen, weil das Mittelalter die Kategorie Autorenschaft nicht kennt. Wir haben im 21. Jh. immer noch unsere Probleme damit: Was ist schon geistiges "Eigentum"? Und wenn es geistlich ist, ist der Begriff Eigentum ganz verfehlt. Kann man die göttlich gegebene Inspiration juristisch festmachen?
Die zwei berühmten musikalischen Dichtungen, die Bernhard von Clairvaux zugeschrieben werden, sind das Jesus dulcis memoria (O liebster Jesu denk ich dein) und den Jubelzusatz zur Antiphon Salve Regina: o clemens, o pia, o dulcis virgo Maria! Beide Zuschreibungen sind (nach dem Urheberrecht zu schlussfolgern) unwahrscheinlich, doch die Überlieferungen sind für sich genommen wertvoll und vielsagend.
Die Legende vom Salve Regina meint zu wissen, dass als Bernhard zu Weihnachten 1146 in seiner Funktion als Legat im Dom zu Speyer den Kreuzzug predigte, er während des Singens des Salve Regina in Entzückung geriet. Er brach in Jubelrufen an Maria aus. Nach o clemens! sprang er 30 Fuß im Schiff in Richtung Altarraum, nach o dulcis! wieder, usw. Diese Stellen wurden im Dom mit drei Rosenzeichnungen im Fußboden gekennzeichnet.
Andere Überlieferungen, dass er sich alle 30 Fuß niederkniete, wären mindestens im Kontext der cisterciensischen Ritualgeschichte leichter einzuordnen, denn die benediktinische Professliturgie sieht vor, dass der Mönch sich dabei in drei langen Wegabschnitten dem Abt nähert, und bei jeder der drei Etappen den Ruf Suscipe me ...! wiederholt. Dabei kam es in lokalen Abweichungen zu verschiedenen Körperhaltungen. Die Tradition kennt eine stehende mit entspannten Armen, eine mit den Armen in Kreuzesform ausgebreitet und eine kniende. Die Speyerer Legende zum Salve Regina könnte eine Verballhornung der monastischen Jubelrufe aus der Professliturgie sein.