Dienstag, 31. Januar 2017

Die Prostratio

Die Prostratio, sich im Altarraum mit dem Gesicht zu Boden ausstrecken, gilt als dramatisches Zeichen der Demut und Hingabe. Mit der Geste kann auch eine innige Bitte um Gebetserhöhrung zum Ausdruck kommen. Die Prostratio gibt es (heute) für den Mönch im Verlauf des üblichen Kirchenjahres nur einmal, und zwar bei der Kreuzverehrung am Karfreitag. Andere Anlässe sind seltener und mit der Übernahme gravierender Verantwortung verbunden, etwa die Abts-, Priester- und Diakonenweihe, wie auch die Feierliche und Zeitliche Profess, und auch (im privaten Kreis) während der Einkleidungszeremonie. In der heutigen Liturgie gibt es nie eine gemeinsame Prostratio, an der die ganze Klostergemeinschaft geschlossen teilnehmen würde.

Die Abbildung (oben) aus einer österreichischen Zeitung des späten 19. Jahrhunderts zeigt eine popularisierende Darstellung eines Trappistenkonventes, der die Prostratio gemeinsam ausübt. Die Frage stellt sich, ob die Abbildung nicht romantisierend zur Karikatur tendiert, oder ob die Trappisten diesen Brauch so ausübten. Was machten die Mitbrüder, die in der hinteren Reihe der Stallungen standen? Und was war der Anlass? Man beachte, dass in dieser Zeichnung aus der Romantik die Hände der Mönche vor der Brust gefaltet sind und nicht in der Kreuzigungsform ausgestreckt, wie man es heute gelegentlich sieht. 

Freitag, 20. Januar 2017

Houellebecq begegnet während Kloster auf Zeit dem Mönch von Heisterbach

EUCist Leser, die Michel Houellebecqs vieldiskutierten Roman Unterwerfung lesen, werden darüber überrascht sein, dass eine Schlüsselszene des Romans im Benediktinerkloster Ligugé stattfindet. 

Der 44-jährige François, Professor für Literatur an der Pariser Sorbonne, hat sich auf Dekadenz spezialisert: Sein Forschungsschwerpunkt bildet seit mehr als 20 Jahren der Autor Joris-Karl Huysmans (1848-1907); über ihn hat er eine beinahe 800 Seiten starke Dissertation verfasst. Der Beamte Huysmans wäre heute so etwas wie ein pornosüchtiger Aktenschieber, der in einer sexuell-dekadenten Fantasiewelt lebt .... bis er 1892 das erste Mal "Kloster auf Zeit" in der weltberühmten Benediktinerabtei Ligugé macht. Er bekehrt sich und wird Laienbruder.

Houellebecqs Erzähler François zieht sich auch nach Ligugé zurück, aber der Bekehrungseffekt bleibt aus. Damit schildert der Roman ein dumpfe Hoffnungslosigkeit, die in Richtung Islamkonversion geht, und macht somit einen Kommentar über Islams düstere Zukunft in Europa als Religion des apathischen Niedergangs.

Huysmans hat sich existentiell als Laienbruder für Buße und Sühne entschieden. Das Christentum gab ihm neues Leben; mit den Kategorien von Sünde und Heil konnte er neue Orientierung finden. Der gelehrte François, aber, bleibt auf der Oberfläche: Er empfindet die Klausur als Gefängnis, weil er dort nicht rauchen kann. Sogar die Sakrallandschaft ist hin: Im Garten rauscht der TGV vorbei. Die ihm als lectio divina empfohlenen Werke von Dom Jean-Pierre Longeat ekeln ihn an. Nach drei Tagen verlässt er das Kloster und kehrt zurück an die Sorbonne, die inzwischen zu einer muslimischen Uni umgepolt worden ist, von Saudi-Geld großzügig subventioniert, aber François steht nun vor der Bedingung, Muslim werden zu müssen, wenn er seinen Posten (mit verdreifachtem Gehalt) behalten will.

Der Katholizismus kommt in Houellebecqs Roman eigentlich nur am Rand vor, aber die Klosterszenen zeigen den sonst zynisch und sittlich heruntergekommenen François in einem neuen Licht. Die Schilderung des Mönches, der ihn einquartiert, ist eine einzige Lobeshymne auf die Vorteile klösterlicher Askese. Bruder Joël ist um die 50 aber viel gesünder als der Lebemann François und, was den Literaten "vollkommen verdutzt": Joël kann sich an François' ersten Aufenthalt in Ligugé vor 20 Jahren erinnern. Die Schilderung ihrer Begegnung an der Klosterpforte ist eine zeitgenössische Version von Caesarius von Heisterbachs Mönch, der durch den Wald wandert und bei der Rückkehr zur Vesper feststellt, dass inzwischen 300 Jahre vergangen sind. Dem Herren ist ein Tag wie tausend Jahr.