Montag, 20. Juni 2016

Äbte spendeten Priesterweihe bis ins 18. Jh.

Das spätmittelalterliche Kirchenrecht kennt einige Fälle, in denen Äbte mit dem päpstlichen Privileg ausgestattet wurden, die höheren Weihen zu spenden.

Papst Bonifaz IX. verlieh in der Bulle Sacrae religionis (1. Feb. 1400 | DH 1145) dem Abt des Augustiner-Chorherrenstiftes St. Osyth in Essex (Diözese London) und seinen Nachfolgern die Vollmacht, den Professen des Klosters die Weihe zum Subdiakon, Diakon und Priester zu spenden. Das Privileg wurde auf Intervention des Ortsbischofs drei Jahre später durch die Bulle Apostolicae Sedis wieder zurückgenommen, aber diese sagte nichts über die Gültigkeit der inzwischen erteilten Weihen: Sie galten.

Einen ähnlichen Fall stellt die Bulle Gerentes ad vos (16. Nov. 1427 | DH 1290) dar, in der Papst Martin V. dem Abt des Cistercienserklosters Altzelle in der Diözese Meißen „auf einen Zeitraum von fünf Jahren hin“ erlaubte, „einzelnen Mönchen ebendieses Klosters und Personen, die Dir als Abt untergeben sind, auch alle heiligen Weihen zu spenden, ohne dass dafür die Erlaubnis des Ortsbischofs erforderlich wäre und die Apostolischen Konstitutionen und Anordnungen sowie die übrigen gegenteiligen (Verlautbarungen) in irgendeiner Weise entgegenstünden“. 

Ein drittes bekanntes Beispiel stammt ebenfalls aus dem Cistercienserorden. Innozenz VIII. erteilte mit der Bulle Exposcit tuae devotionis (9. Apr. 1489 | DH 1435) den Äbten von Cîteaux und den vier Primarabteien La Ferté, Pontigny, Clairvaux und Morimond das Vorrecht für die Spendung der Subdiakonats- und Diakonatsweihe eigener Professen, „damit die Mönche […] nicht gezwungen werden, für den Empfang der Weihen […] außerhalb des Klosters hierhin und dorthin zu laufen“. Dieses Vorrecht wurde bis ins späte 18. Jh. in Anspruch genommen. Im Rituale Cisterciense war lange Zeit der Ordo der Subdiakonats- und Diakonatsweihe zu finden.

Im Hintergrund steht das dogmatische Problem der Sakramentalität der Bischofsweihe, das lange Zeit nicht gelöst war. Die Frage nach der Stellung des Bischofsamtes im Unterschied zum Priesteramt blieb bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil ungeklärt (vgl. Lumen gentium 21). Ob der Priester außerordentlicher Spender der Priesterweihe sein kann – bei der Firmung ist das möglich – wurde bis heute nicht eindeutig beantwortet.

Erarbeitet von Johannes Lackner. Vgl. Anton Lässer, Die Beziehung von Bischofs- und Priesteramt aus der Sicht des Bußsakramentes (Dissertation Rom 2006) 49-118.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Die Primizkrone – Symbol geistlicher Vermählung

Primiziant, 1926
Die Krone wird verstanden als Zeichen für den Eintritt in einen dauernden Zustand, in dieser Hinsicht ist die Primizkrone vergleichbar mit einer Hochzeits- und Totenkrone. Weitere Deutungen der Priesterkrone sehen in ihr ein Zeichen der Jungfräulichkeit. Ein Gedicht aus der Mitte des 19. Jh.s fragt voll Bewunderung: „Wer bist du, Jüngling, mit dem Blütenkranze, jungfräulich um dein junges Haupt gewunden?“ Die Krone ist zu besagter Zeit in bayerischen und österreichischen Bistümern gut belegt (erste Spuren finden sich bereits um 1530) und hält sich bis in die Mitte des 20. Jh.s.
Die liturgische Verwendung der Krone war verschieden. Mal trug der Neupriester sie während des Einzugs (evtl. setzte die Mutter ihrem Priestersohn die Krone am Kirchenportal auf), mal trug ein Mädchen – die „Primizbraut“ – in der Prozession die Krone auf einem Kissen, mal trug der Neomyst sie während der gesamten Messfeier am Haupt. Die Beschaffenheit der Krone war von lokalem Brauch abhängig; erhaltene Exponate aus dem 19. Jh. sind meist etwa 12 cm hoch, bestehen aus Draht, sind je nach Anlass (z. B. zur Sekundiz) grün, silber oder gold gehalten und dekoriert mit Kunstblumen, -ähren oder -trauben.
Vgl. Monika Kania, Geistliche Hochzeit (Würzburg 1997) 165-168.