Freitag, 29. Mai 2015

Sensationelle Schenkung an EUCist Bibliothek

Die Mannschaft aus Heiligenkreuz
 mit Angerer vor dem Transporter
Prälat DDr. Joachim Angerer O.Praem. hat der EUCist Bibliothek über 1.000 Bücher geschenkt. Der international anerkannte Gregorianik-Forscher hat sich nach Absprache mit seinen Mitbrüdern dafür entschieden. Angerer (81) hat u.a. zahlreiche Beiträge zur liturgisch-musikalischen Erneuerung der Melker Reform (15. Jh.) geschrieben; er war Schüler des berühmten Eugène Alexandre Cardine OSB (1905-1988) aus Solesmes, des Begründers der Gregorianischen Semiologie. Die EUCist Bibliothek wird diese Monate in ihre neuen Räumlichkeiten übersiedeln. Wir sind Prälat Angerer unendlich dankbar für diese unermessliche Schenkung, die wahrhaft ein Stück seines bibliophilen Herzens darstellt.

Donnerstag, 14. Mai 2015

Adolf von Harnack, Stams und die Cistercienserforschung

In den letzten Tagen ist eine Ausgabe von Wilhelm Rohrs (1848-1907) Stamser Radierungen auf den Markt gekommen. Darin sind 11 von ursprünglich 14 Sujets erhalten; sie beziehen sich auf das klösterliche Leben mit besonderer Berücksichtigung des Noviziats. Die romantisierenden Radierungen sind für ihre Hinweise auf Habit- und Observanzgeschichte des Ordens relevant. Ebenso verweist das Buch mit seinem Vorwort auf eine unerwartete Cisterciensernote in der liberalen protestantischen Dogmengeschichtswissenschaft um die Wende zum 20. Jahrhundert: Das Vorwort ist von Adolf von Harnack!

Adolf von Harnack (1851-1930) machte mit seiner Familie oft in der Cistercienserabtei Stams (Tirol) seine Sommerferien. Das erste Mal kam er zufällig dorthin, als er wegen einer Handschrift auf die Stamser Bibliothek aufmerksam gemacht wurde. Auf Bitten des Abtes verlängerte Harnack den ersten Aufenthalt und verfasste ein Verzeichnis der Stamser Codices. Die gegenseitige Freundschaft und die Lage des Klosters machten Stams zu seinem jährlichen Ferienziel.

Harnacks Begeisterung für den Cistercienserorden lässt sich in einer sechsfach aufgelegten Kleinschrift, die aus einer Vorlesung über das Mönchtum hervorging, dokumentieren: "Derselbe Mönch (Bernhard), der in der Stille seiner Klosterzelle eine neue Sprache der Anbetung redet, seine Seele ganz dem 'Bräutigam' weiht, die Weltflucht der Christenheit predigt, dem Papst zuruft, dass er auf dem Stuhle Petri zum Dienste, nicht zur Herrschaft berufen sei, ist doch zugleich in allen hierarchischen Vorurteilen seiner Zeit befangen und leitet selbst die Politik der weltherrschenden Kirche." (Das Mönchtum, seine ideal und seine Geschichte [1. Aufl. Gießen 1881] 38).

Harnack blieb ein überzeugter Protestant, wenn auch ein kritischer: Er meinte, in Martin Luthers Theologie ein Ergebnis (nicht eine Umkehrung) des Mittelalters zu sehen. Generell meinte er, die Aussagen christlicher Dogmen sollten durch geschichtliche Studien relativiert werden. Er war eine kontroversielle Gestalt, einerseits in führender Position bei der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und andererseits ein sehr liberaler Protestant. Seine Beziehung zum katholischen Stift Stams ist vielen nicht bekannt; von seiner Begeisterung für die Anfänge des Cistercienserordens wissen wohl nur wenige.

Rohrs Buch, derzeit auf eBay in Auktion, ist im ganzen deutschen Sprachraum nur in den Beständen der Hamburger Kunsthalle (Museumsbibliothek) verzeichnet. Das Buch ist ein Beispiel für den Wert von heute wenig bekannter Kunst, die zwar nicht internationalen Rang erreicht, aber ungemein viel über die Kultur- und Rezeptionsgeschichte cisterciensischer Themen aussagt.

Literatur: Agnes Zahn Harnack, Adolf von Harnack (Berlin 1950) 215-216. Wilhelm Rohr, Die Cistercienser. Ein Cyclus von vierzehn Original-Radirungen. Mit einer Einführung von Professor Dr. Adolf Harnack (München [ohne Jahresangabe]). Adolf von Harnack, Verzeichnis der Handschriften der Bibliothek des Stiftes Stams, in: Xenia Bernardina 2 (Wien 1891).


Samstag, 9. Mai 2015

Der Mönch von Heisterbach


„Ein junger Mönch im Kloster Heisterbach
lustwandelt an des Gartens fernstem Ort;
der Ewigkeit sinnt tief und still er nach
und forscht dabei in Gottenheilgem Wort.

Er liest, was Petrus der Apostel sprach:
Dem Herren ist ein Tag wie tausend Jahr,
Und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag.
Doch wie er sinnt, es wird ihm nimmer klar.“

Bei dem Kloster, in dessen Gärten der junge Mönch in diesem Gedicht wandelt, handelt es sich um die 1192 gegründete und von der Abtei Himmerod in der Eifel aus besiedelte Cisterce Heisterbach im Siebengebirge. Ein berühmter Mönch dieses Klosters war Caesarius von Heisterbach (ca. 1180-1140), bekannt vor allem für seine Exempelsammlung „Dialogus miraculorum“. Heisterbach wurde 1803 aufgehoben – erhalten ist heute nur noch eine Chorruine der zum Steinbruch für einen Kanalbau gewordenen Kirche. Die Chorruine wurde bewusst als Ruine stehengelassen; sie und das Kloster wurden im Zuge der Romantik im 19. Jahrhundert zum Inhalt nicht nur des oben in seinen Anfangsversen wiedergegebenen Gedichts, sondern auch zahlreicher bildlicher Darstellungen.



Das Gedicht stammt von Wolfgang Müller von Königswinter (eigentlich Peter Wilhelm Karl Müller; 1816-1873), der vor allem durch seine Dichtungen rund um das Rheinland berühmt wurde. Müller greift für sein Werk, in dem er eine Sage mit dem nahe seinem Geburtsort gelegenen Kloster Heisterbach verband, eine Bibelstelle auf (2 Petr 3,8), die ihrerseits Bezug auf Psalm 90,4 nimmt: „Denn tausend Jahre sind für dich wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.“ So wandelt auch der Heisterbacher Cistercienser aus dem Gedicht Müllers durch den Wald, nur um bei seiner Rückkehr zur Vesper ins Kloster festzustellen, dass inzwischen durch ein göttliches Wunder 300 Jahre vergangen waren.


Die Ruinen des Cistercienserklosters dienten auch Künstlern als Motivquelle: Eine Radierung von Bernhard Mannfeld (1848-1925) zeigt die Chorruine im Winter. Die Darstellung erschien neben anderen Radierungen des Künstlers als Illustration einer Sammlung von Gedichten rund um das Rheinland: Rheinlands Sang und Sage. Die schönsten Rheinlieder mit einem Leitgedichte von Emil Rittershaus und 20 Originalradierungen von Bernhard Mannfeld (Bonn 1900).


Darstellungen der Klosterruine dienten in Kombination mit dem Gedicht Müllers auch als Motiv zahlreicher Postkarten des 19. und 20. Jahrhunderts: So illustrierten Gemälde des Bildnis- und Dekorationsmalers Willy Stucke aus Bonn den auf einer Postkarte wiedergegeben Text des Gedichts (Verlag Kloster Heisterbach). Andere Postkarten, wie beispielsweise eine Montage aus 5 Bildern auf einer Doppelpostkarte nehmen auch das Caesarius-Denkmal in ihr Bildprogramm auf, das Ende des 19. Jahrhunderts zu Ehren des berühmten Heisterbacher Mönches vom Bergischen Geschichtsverein in seinem ehemaligen Kloster erreichtet wurde und ebenfalls ein Zeugnis der Rezeption von Heisterbach in der Romantik darstellt. (Verfasserin: Larissa Rasinger)

Literatur:
* Martin Unkel, Art. „Wolfgang Müller von Königswinter“, in: Walther Killy (Hg.), Literaturlexikon (Berlin 22005) 13.836f..
* Zu Bernhard Mannfeld: Meyers Großes Konversations-Lexikon 13 (Berlin 2003) 234f..

Caesarius von Heisterbach:
* Caesarius von Heisterbach, Dialogus Miraculorum – Dialog über die Wunder, hg. von Nikolaus Nösges und Horst Schneider 5 Bde. Lateinisch und Deutsch (2009).
* Friedrich Wilhelm Bautz, Art. „Caesarius von Heisterbach“, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 1 (1990) Sp. 843f..