Samstag, 9. Mai 2015

Der Mönch von Heisterbach


„Ein junger Mönch im Kloster Heisterbach
lustwandelt an des Gartens fernstem Ort;
der Ewigkeit sinnt tief und still er nach
und forscht dabei in Gottenheilgem Wort.

Er liest, was Petrus der Apostel sprach:
Dem Herren ist ein Tag wie tausend Jahr,
Und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag.
Doch wie er sinnt, es wird ihm nimmer klar.“

Bei dem Kloster, in dessen Gärten der junge Mönch in diesem Gedicht wandelt, handelt es sich um die 1192 gegründete und von der Abtei Himmerod in der Eifel aus besiedelte Cisterce Heisterbach im Siebengebirge. Ein berühmter Mönch dieses Klosters war Caesarius von Heisterbach (ca. 1180-1140), bekannt vor allem für seine Exempelsammlung „Dialogus miraculorum“. Heisterbach wurde 1803 aufgehoben – erhalten ist heute nur noch eine Chorruine der zum Steinbruch für einen Kanalbau gewordenen Kirche. Die Chorruine wurde bewusst als Ruine stehengelassen; sie und das Kloster wurden im Zuge der Romantik im 19. Jahrhundert zum Inhalt nicht nur des oben in seinen Anfangsversen wiedergegebenen Gedichts, sondern auch zahlreicher bildlicher Darstellungen.



Das Gedicht stammt von Wolfgang Müller von Königswinter (eigentlich Peter Wilhelm Karl Müller; 1816-1873), der vor allem durch seine Dichtungen rund um das Rheinland berühmt wurde. Müller greift für sein Werk, in dem er eine Sage mit dem nahe seinem Geburtsort gelegenen Kloster Heisterbach verband, eine Bibelstelle auf (2 Petr 3,8), die ihrerseits Bezug auf Psalm 90,4 nimmt: „Denn tausend Jahre sind für dich wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.“ So wandelt auch der Heisterbacher Cistercienser aus dem Gedicht Müllers durch den Wald, nur um bei seiner Rückkehr zur Vesper ins Kloster festzustellen, dass inzwischen durch ein göttliches Wunder 300 Jahre vergangen waren.


Die Ruinen des Cistercienserklosters dienten auch Künstlern als Motivquelle: Eine Radierung von Bernhard Mannfeld (1848-1925) zeigt die Chorruine im Winter. Die Darstellung erschien neben anderen Radierungen des Künstlers als Illustration einer Sammlung von Gedichten rund um das Rheinland: Rheinlands Sang und Sage. Die schönsten Rheinlieder mit einem Leitgedichte von Emil Rittershaus und 20 Originalradierungen von Bernhard Mannfeld (Bonn 1900).


Darstellungen der Klosterruine dienten in Kombination mit dem Gedicht Müllers auch als Motiv zahlreicher Postkarten des 19. und 20. Jahrhunderts: So illustrierten Gemälde des Bildnis- und Dekorationsmalers Willy Stucke aus Bonn den auf einer Postkarte wiedergegeben Text des Gedichts (Verlag Kloster Heisterbach). Andere Postkarten, wie beispielsweise eine Montage aus 5 Bildern auf einer Doppelpostkarte nehmen auch das Caesarius-Denkmal in ihr Bildprogramm auf, das Ende des 19. Jahrhunderts zu Ehren des berühmten Heisterbacher Mönches vom Bergischen Geschichtsverein in seinem ehemaligen Kloster erreichtet wurde und ebenfalls ein Zeugnis der Rezeption von Heisterbach in der Romantik darstellt. (Verfasserin: Larissa Rasinger)

Literatur:
* Martin Unkel, Art. „Wolfgang Müller von Königswinter“, in: Walther Killy (Hg.), Literaturlexikon (Berlin 22005) 13.836f..
* Zu Bernhard Mannfeld: Meyers Großes Konversations-Lexikon 13 (Berlin 2003) 234f..

Caesarius von Heisterbach:
* Caesarius von Heisterbach, Dialogus Miraculorum – Dialog über die Wunder, hg. von Nikolaus Nösges und Horst Schneider 5 Bde. Lateinisch und Deutsch (2009).
* Friedrich Wilhelm Bautz, Art. „Caesarius von Heisterbach“, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 1 (1990) Sp. 843f..

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