Freitag, 24. Februar 2017

Bernhard und das Salve Regina

Das Gnadenbild im Dom zu Speyer 
Die Autorenschaft von marianischen Antiphonen ist besonders schwer festzustellen, weil das Mittelalter die Kategorie Autorenschaft nicht kennt. Wir haben im 21. Jh. immer noch unsere Probleme damit: Was ist schon geistiges "Eigentum"? Und wenn es geistlich ist, ist der Begriff Eigentum ganz verfehlt. Kann man die göttlich gegebene Inspiration juristisch festmachen?
Die zwei berühmten musikalischen Dichtungen, die Bernhard von Clairvaux zugeschrieben werden, sind das Jesus dulcis memoria (O liebster Jesu denk ich dein) und den Jubelzusatz zur Antiphon Salve Regina: o clemens, o pia, o dulcis virgo Maria! Beide Zuschreibungen sind (nach dem Urheberrecht zu schlussfolgern) unwahrscheinlich, doch die Überlieferungen sind für sich genommen wertvoll und vielsagend.
Die Legende vom Salve Regina meint zu wissen, dass als Bernhard zu Weihnachten 1146 in seiner Funktion als Legat im Dom zu Speyer den Kreuzzug predigte, er während des Singens des Salve Regina in Entzückung geriet. Er brach in Jubelrufen an Maria aus. Nach o clemens! sprang er 30 Fuß im Schiff in Richtung Altarraum, nach o dulcis! wieder, usw. Diese Stellen wurden im Dom mit drei Rosenzeichnungen im Fußboden gekennzeichnet.
Andere Überlieferungen, dass er sich alle 30 Fuß niederkniete, wären mindestens im Kontext der cisterciensischen Ritualgeschichte leichter einzuordnen, denn die benediktinische Professliturgie sieht vor, dass der Mönch sich dabei in drei langen Wegabschnitten dem Abt nähert, und bei jeder der drei Etappen den Ruf Suscipe me ...! wiederholt. Dabei kam es in lokalen Abweichungen zu verschiedenen Körperhaltungen. Die Tradition kennt eine stehende mit entspannten Armen, eine mit den Armen in Kreuzesform ausgebreitet und eine kniende. Die Speyerer Legende zum Salve Regina könnte eine Verballhornung der monastischen Jubelrufe aus der Professliturgie sein.

Dienstag, 31. Januar 2017

Die Prostratio

Die Prostratio, sich im Altarraum mit dem Gesicht zu Boden ausstrecken, gilt als dramatisches Zeichen der Demut und Hingabe. Mit der Geste kann auch eine innige Bitte um Gebetserhöhrung zum Ausdruck kommen. Die Prostratio gibt es (heute) für den Mönch im Verlauf des üblichen Kirchenjahres nur einmal, und zwar bei der Kreuzverehrung am Karfreitag. Andere Anlässe sind seltener und mit der Übernahme gravierender Verantwortung verbunden, etwa die Abts-, Priester- und Diakonenweihe, wie auch die Feierliche und Zeitliche Profess, und auch (im privaten Kreis) während der Einkleidungszeremonie. In der heutigen Liturgie gibt es nie eine gemeinsame Prostratio, an der die ganze Klostergemeinschaft geschlossen teilnehmen würde.

Die Abbildung (oben) aus einer österreichischen Zeitung des späten 19. Jahrhunderts zeigt eine popularisierende Darstellung eines Trappistenkonventes, der die Prostratio gemeinsam ausübt. Die Frage stellt sich, ob die Abbildung nicht romantisierend zur Karikatur tendiert, oder ob die Trappisten diesen Brauch so ausübten. Was machten die Mitbrüder, die in der hinteren Reihe der Stallungen standen? Und was war der Anlass? Man beachte, dass in dieser Zeichnung aus der Romantik die Hände der Mönche vor der Brust gefaltet sind und nicht in der Kreuzigungsform ausgestreckt, wie man es heute gelegentlich sieht. 

Freitag, 20. Januar 2017

Houellebecq begegnet während Kloster auf Zeit dem Mönch von Heisterbach

EUCist Leser, die Michel Houellebecqs vieldiskutierten Roman Unterwerfung lesen, werden darüber überrascht sein, dass eine Schlüsselszene des Romans im Benediktinerkloster Ligugé stattfindet. 

Der 44-jährige François, Professor für Literatur an der Pariser Sorbonne, hat sich auf Dekadenz spezialisert: Sein Forschungsschwerpunkt bildet seit mehr als 20 Jahren der Autor Joris-Karl Huysmans (1848-1907); über ihn hat er eine beinahe 800 Seiten starke Dissertation verfasst. Der Beamte Huysmans wäre heute so etwas wie ein pornosüchtiger Aktenschieber, der in einer sexuell-dekadenten Fantasiewelt lebt .... bis er 1892 das erste Mal "Kloster auf Zeit" in der weltberühmten Benediktinerabtei Ligugé macht. Er bekehrt sich und wird Laienbruder.

Houellebecqs Erzähler François zieht sich auch nach Ligugé zurück, aber der Bekehrungseffekt bleibt aus. Damit schildert der Roman ein dumpfe Hoffnungslosigkeit, die in Richtung Islamkonversion geht, und macht somit einen Kommentar über Islams düstere Zukunft in Europa als Religion des apathischen Niedergangs.

Huysmans hat sich existentiell als Laienbruder für Buße und Sühne entschieden. Das Christentum gab ihm neues Leben; mit den Kategorien von Sünde und Heil konnte er neue Orientierung finden. Der gelehrte François, aber, bleibt auf der Oberfläche: Er empfindet die Klausur als Gefängnis, weil er dort nicht rauchen kann. Sogar die Sakrallandschaft ist hin: Im Garten rauscht der TGV vorbei. Die ihm als lectio divina empfohlenen Werke von Dom Jean-Pierre Longeat ekeln ihn an. Nach drei Tagen verlässt er das Kloster und kehrt zurück an die Sorbonne, die inzwischen zu einer muslimischen Uni umgepolt worden ist, von Saudi-Geld großzügig subventioniert, aber François steht nun vor der Bedingung, Muslim werden zu müssen, wenn er seinen Posten (mit verdreifachtem Gehalt) behalten will.

Der Katholizismus kommt in Houellebecqs Roman eigentlich nur am Rand vor, aber die Klosterszenen zeigen den sonst zynisch und sittlich heruntergekommenen François in einem neuen Licht. Die Schilderung des Mönches, der ihn einquartiert, ist eine einzige Lobeshymne auf die Vorteile klösterlicher Askese. Bruder Joël ist um die 50 aber viel gesünder als der Lebemann François und, was den Literaten "vollkommen verdutzt": Joël kann sich an François' ersten Aufenthalt in Ligugé vor 20 Jahren erinnern. Die Schilderung ihrer Begegnung an der Klosterpforte ist eine zeitgenössische Version von Caesarius von Heisterbachs Mönch, der durch den Wald wandert und bei der Rückkehr zur Vesper feststellt, dass inzwischen 300 Jahre vergangen sind. Dem Herren ist ein Tag wie tausend Jahr.

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Bibliotheks-Schätze in Zwischenkriegszeit verkauft

In den Jahren 1925 und 1926 wurde mehr als ein Drittel des Heiligenkreuzer Inkunabelbestandes verkauft, dazu kamen viele frühneuzeitliche Drucke. In einem spannenden neuen Aufsatz von Katharina Kaska (Angaben unten) wird beschrieben, wie zu dieser Zeit Händler wie Goldmann, Rosenthal und andere aus München, London und New York geradezu über die österreichischen Stifte herfielen. In Händlerkreisen hatte sich herumgesprochen, dass man dort leicht an wertvolles Material komme. 
Die ersten Heiligenkreuzer Verkäufe liefen direkt über Mitbrüder, die zwar die Erlaubnis ihres Abtes dazu hatten, nicht aber die Genehmigung von offiziellen Stellen wie Bundesdenkmalamt oder Nationalbibliothek. Auf ernsthafte Widerstände stieß man in Heiligenkreuz erst, als Patres versuchten, Handschriften zu verkaufen. Dem Historiker und Bibliothekar Ottokar Smital (1885-1932), Leiter der Handschriftensammlung der Nationalbibliothek, gebührt Anerkennung für seine Sorge um Heiligenkreuz: Er hat besonders kritische Verkäufe aus dem Wienerwaldkloster verhindert. Die Lage der Heiligenkreuzer Bibliothek (wo schließlich "nur" drei Handschriften verkauft wurden) ist im Vergleich zu anderen Stiften verhältnismäßig gut verlaufen; die Verluste anderer Klöster waren viel schmerzlicher. Heute noch muss man beobachten, wie auf den Markt geratene Klosterhandschriften (etwa Lambachs Cml XVIII) für sechstellige Eurobeträge von Christie's versteigert werden, wobei sie in den 1920ern von Stiften für einen Bruchteil dessen verkauft wurden. Das Schlimmste an der Angelegenheit ist, dass die Verkaufspreise damals so lächerlich gering waren und den Klöstern in ihrer wirtschaftlichen Not keine langfristige Hilfe darstellten. 
Siehe: Katharina Kaska, Also muss die Bibliothek dran glauben. Versuchte und gelungene Handschriften- und Inkunabelverkäufe des Stifts Heiligenkreuz in der Zwischenkriegszeit, in:
Mitteilungen aus dem Niederösterreichischen Landesarchiv / NÖLA 17 (2016) 387-417.

Sonntag, 4. Dezember 2016

Barocke Festkultur: Abt von Heiligenkreuz tauft Muslime


Zur Feier seines fünfzehnten Wahltags taufte der Heiligenkreuzer Abt Gerhard Weixelberger im Jahr 1720 während eines feierlichen Pontifikalamtes in der Stiftskirche vier Muslime: Jeder bekam eine Reihe von neuen Vornamen, der erste war stets Carolus, bezogen auf den regierenden Kaiser, der sich in absentia als Taufpate zur Verfügung gestellt hatte. Die Konvertiten erhielten auch deutsche Familiennamen: Der erste hieß vor seiner Taufe Ibrahim Constantinopolitanus und danach Carolus Joseph Gerhard Weixelberger. Die anderen Familiennamen lassen sich in Bezug auf Heiligenkreuz bzw. Türkenklischees der damaligen Zeit erklären: Kreutzberger, Heylberger und Mohrenberger. Zur Gabenbereitung wurden die neuen Christen in Alben gekleidet und dienten dem Abt am Altar als Ministranten.

Dienstag, 22. November 2016

500 Mönchsgräber in Fountains gefunden - Journalisten verblüfft: Mönche glaubten offenbar an Auferstehung des Fleisches

In der berühmten, seit 1539 mehr oder weniger ruinösen nordenglischen Cistercienserabtei Fountains sind mehr als 500 Mönchsgräber gefunden worden. Besonders beachtenswert ist die Lagerung der unüberschaubaren Schar von Leichen in symmetrisch zusammengestellten, unterirdischen Steingehäusen, die bis zu vier Leichen in der Art von Lagerbetten übereinander stellten. Jüngste Technologie war bei dem Fund ausschlaggebend: Man hat mit geophysischen Messgeräten die genaue Aufstellung der Gräberreihen identifiziert. Sie erstrecken sich österlich der Abteikirche auf ein Areal von 60 m x 80 m.
Tragisch an der Berichterstattung in den englischen Medien ist der Hinweis in vielen Zeitungsberichten, dass der Fund den Auferstehungsglauben der Mönche bestätige. In einem Bericht hieß es: "Moderne christliche Theologie erwartet zwar die Auferstehung der Seele, nicht aber des Leibes. Islam und Judentum erwarten eine leibliche Auferstehung". Zur Entschuldigung der theologischen Ignoranz der britischen Journalisten sei auf die erlaubte und immer populärere Urnenbestattung hingewiesen. Welche Religion, die an die Auferstehung des Fleisches glaubt, würde  die Verbrennung von Leichen erlauben?
Fountains gehört mit seinen mehr als 300.000 jährlichen Einzelbesuchern zu den meistfrequentierten Objekten des National Trust. Was erzählt man den Touristen über den Glauben, der zur Errichtung der atemberaubend schönen Bauten geführt hat? Scheinbar wenig.

Freitag, 4. November 2016

Klösterliche Grabsteine und -kreuze

Klösterfriedhöfe sind eine Sonderkategorie, weil sie im Vergleich zu den meisten Friedhöfen länger bestehen und innerhalb einer stabilen Verwaltungsstruktur bleiben. Dazu kommt die Pietät der lebenden Mönche gegenüber ihren Vorgängern, auch wenn sie die Toten gar nicht kannten. Die Gräber werden traditionell sehr gut gepflegt und wohl etwas häufiger besucht als das der Fall ist in einem kommunalen Friedhof. Da alle Gräber in der Verantwortung des Konventes liegen, können einheitliche Entscheidungen getroffen werden, die für alle gelten. So können alle Grabsteine einheitlich und streng gestaltet werden, wie in diesem Beispiel aus dem größten Benediktinerkloster der Welt (St. John's Abbey).
Hier fehlen bewusst Familienname und Lebensdaten
Verlgleichbare Gräberfelder sind auch in strengen europäischen Klöstern bekannt. In manchen Klöstern gibt es gar keine Grabsteine, sondern nur Holzkreuze, die bald wieder verschwinden. Die österreichischen Stifte machen einen Kompromiss: Der Klosterfriedhof ist gepflegt und symmetrisch angelegt, aber die Grabkreuze sind ganz unterschiedlich. Da lohnt es sich, jedes näher zu betrachten und sich von den verschiedenen Ebenen der Schriftlichkeit erbauen zu lassen, wie in den folgenden Beispielen aus Kremsmünster.